Manchmal passieren Dinge auf einer Baustelle, die man sich nicht ausdenken könnte. Hier sammeln wir sie – damit sie nicht vergessen werden.
Wir bauen kein Haus. Wir bauen ein Nest – für unsere Familie, für Menschlichkeit, und irgendwann für Gäste, die hier Geschichte nicht nur sehen, sondern wirklich erleben dürfen.
Man muss nur Schäfergut sagen — und schon ist die Tür auf. Die Menschen wissen Bescheid. Sie kommen ins Gespräch. Das ist das Schönste an diesem ganzen Projekt.
Wir waren dabei, die Notabdichtung zu installieren. Das Dach war offen, der nächste Regen war unterwegs. Unser Nachbar – er wohnt direkt gegenüber – hat zugeschaut. Kurz. Dann ist er rübergekommen.
Er hat nicht gewartet bis man ihn fragt. Er hat gefragt ob er helfen kann.
Kein Auftrag. Kein Lohn. Einfach ein Mensch, der sieht dass etwas passiert – und der dabei sein will. Das ist Nassau.
Ein älterer Herr stand eines Tages vor der Tür. Er hatte selbst dort gewohnt – in genau den Räumen, in denen wir gerade unser Lager aufgeschlagen haben. Er fragte schüchtern, ob er mal schauen dürfte.
Natürlich darf er.
Er ging durch die Zimmer. Langsam. Blieb stehen. Schaute sich um. Dann zog er sein Handy heraus und fotografierte die alten Kachelöfen – seine Kachelöfen, wie er sie als Kind erlebt hatte.
In diesem Moment haben wir verstanden: Wir sanieren hier keine Mauern. Wir geben Menschen ihre Erinnerungen zurück.
Unsere Denkmalschutzbeauftragte der UDB ist an Gesetze gebunden. Das ist ihr Job und das ist gut so – denn diese Gesetze schützen das, was wir retten wollen.
Sie hätte uns sagen können: „Schiefer. Traditionell. So steht es im Gesetz." Das wäre ihr gutes Recht gewesen.
Hat sie nicht.
OSB-Platten mit Bitumenschindeln in Schiefer-Optik — oder Sandwichplatten in Schiefer-Nachbildung: beides genehmigt. Historische Silhouette erhalten: ja. Dach dicht: endlich möglich. Dafür sind wir dankbar.
Wir fuhren zum ersten Mal nach Nassau ohne große Erwartungen. Familie aus Niedersachsen, GF-Kennzeichen, packen das alte Schäfergut an das seit Jahren vor sich hin schlummert. Wir wussten: man würde uns bemerken.
Und ja — wir waren mit Sicherheit Gesprächsstoff Nummer eins. Bevor wir den ersten Kaffee gekocht hatten, wusste das halbe Dorf Bescheid. Das GF-Kennzeichen, die fremden Gesichter, das Licht im Schäfergut.
Aber was dann kam, hat uns überrascht. Man hat nicht weggeschaut. Man ist zugekommen. Die Nachbarn. Das Rathaus. Überall dieselbe Wärme – so herzlich, so aufrichtig, dass es fast schmerzte.
Es fasziniert uns zutiefst, wie sehr sich die Menschen danach sehnen, dass in ihrer Straße wieder Leben einzieht. Das ist unser größter Antrieb.
Freiberg. Zwanzig, fünfundzwanzig Kilometer von Nassau entfernt. Parkplatz vor dem OBI. Ein fremder Mensch kommt auf uns zu.
Wir fallen auf im Erzgebirge. Ein GF-Kennzeichen — Gifhorn, Niedersachsen — das sieht man hier nicht oft. Zu viele Zugezogene gibt es in dieser Gegend nicht. Und so wird das Auto zum Erkennungszeichen, bevor man überhaupt den Mund aufmacht.
Aber was uns wirklich bewegt: Das Schäfergut ist schon bekannt — weit über Nassau hinaus. Die Menschen reden darüber. Sie beobachten. Sie freuen sich. Man muss sich nur öffnen — und das Gespräch kommt von selbst.
Wer auf einer Baustelle lebt, weiß wie sich Staub anfühlt der sich in alles frisst. In die Haut, in die Haare, in die Augen. Irgendwann braucht man einfach warmes Wasser. Einen Moment in dem die Last abfällt.
Wir haben viele angerufen. Campingplätze, Sportanlagen, Pensionen. Überall dasselbe: „Nur für Gäste." Oder: drei Minuten, drei Euro. Man merkt schnell, wer Menschlichkeit verwaltet — und wer sie lebt.
Seitdem fahren wir alle drei bis vier Tage dort hin. Nass machen. Einen Moment genießen. Kraft tanken. Einseifen. Abduschen. Zähne putzen. Fertig. Kein stundenlanger Luxus — nur das Nötigste. Aber dieses Nötigste bedeutet alles.
Dieser Mensch hat nicht gefragt was wir bauen oder warum. Er hat einfach aufgemacht. Das ist der stillste Engel von allen.
Drei Mädchen — acht, neun vielleicht, und die Älteste zwölf, dreizehn — hatten sich am Wohnhaus eine kleine Plattform gebaut. Ihr eigenes kleines Reich. Sie kamen und fragten schüchtern, ob sie sie behalten dürften.
Natürlich dürfen sie.
Brot und Salz. Das älteste Willkommensgeschenk der Welt. Dargebracht von Kindern, die es wahrscheinlich gar nicht wussten. Die einfach gespürt haben, dass man sich bedankt – mit dem, was man hat. Von Herzen.
In diesem Moment haben wir verstanden: Das Schäfergut gehört nicht uns allein. Es gehört der Straße. Den Kindern. Der Gemeinschaft. Wir sind nur die, die aufmachen.
Nicht alle Begegnungen auf dem Schäfergut sind menschlicher Natur. Gustav zum Beispiel ist ein Waschbär. Unsere Tochter hat ihn benannt — und damit seinen Status als Familienmitglied auf Probe besiegelt.
Er bewohnt den Dachboden. War wahrscheinlich schon vor uns da und hat anscheinend keinerlei Absicht, das zu ändern. Wir haben eine Lebendfalle aufgestellt. Gustav findet die lustig.
Wir haben noch nicht entschieden, wer hier länger durchhält. Er hat den Heimvorteil. Wir haben die Hartnäckigkeit.
Gustav bleibt vorläufig Teil der Geschichte des Schäferguts. Ungebeten. Unbeirrbar. Irgendwie respektabel.
Das Projekt hat gerade erst begonnen. Jede Begegnung, jede Geschichte, jeder Mensch der uns berührt – wir halten sie hier fest. Schau gerne wieder rein.
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